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Besetzung:

Mélanie Linzer
Oliver Kai Müller
Alexander Valerius
Hannah Bröder
Vincent Hoff

Inszenierung: Christian Suhr

Spieldauer: 75 Minuten (keine Pause)

PREMIERE: 29.11.2019

TicketsPresse

DARMSTÄDTER ECHO 3.12.19 (Stefan Benz)

Auf der Büchnerbühne Leeheim wird der Bürger zum Würger


Am Abend hat er noch zu tief ins Glas geschaut, am Morgen blickt er in einen Abgrund. Monsieur Lenglumé war beim Jahrgangstreffen seiner alten Schule, hat sich aber zu einer Sauftour abgeseilt und ist in seinem Bett zusammen mit Klassenkamerad Mistingue erwacht. Als die beiden mit reichlich Restalkohol im Blut aus den Federn sind, stecken sie als vermeintliche Komplizen doch noch unter einer Decke: Nach dem, was in der Zeitung steht und in ihren Taschen steckt, haben sie in der Rue de Lourcine ein Kohlenmädchen gemeuchelt.

Der Zuschauer weiß: Die Zeitung ist alt. Die Kleinbürger aber fürchten: Ihnen ist alles zuzutrauen. Und Madame Lenglumé darf nichts erfahren! Daraus erwächst in Eugene Labiches Komödie „Die Affäre Rue de Lourcine“ ein famos fieses Vergnügen, das in Christian Suhrs Inszenierung auf der Leeheimer Büchnerbühne in knapp siebzig Minuten so kurz wie kurzweilig abschnurrt.

Oliver Kai Müller drückt als Lenglumé gleich richtig auf die Tube, schmeißt sich ran ans Publikum, wenn er beiseitespricht, was Labiche öfter vorsieht. Der müde Zecher hat noch ordentlich Standgas, lallt kreiselnd, bis es ihn würgt, taumelt auf seinen Zipfelsocken durch den Salon, sucht seine Hose, die er doch anhat, und schläft auch mal im Stehen ein. Gestern war er nach dem Steinbutt schon sternhagelvoll, und heute gibt es nach Rotwein, Schampus und Madeira zum Ausnüchtern noch Curacao obendrauf. So wie Müller das schlingernd und schwankend angeht, wirkt es wie die Langfassung des Silvestersketches „Dinner for one“.

Alexander Valerius ist ihm als bänglicher Mistingue ein präziser Anspielpartner – mit Panik im Blick, getrieben von Angst vor dem inneren Unhold. Zusammen zelebrieren die konspirativen Klassenkameraden nicht nur den knatternden Klamauk mit Kater. Sie singen auch Couplets, denn Labiches Stück ist als Vaudeville ja eine Sonderform des Boulevards. Und die Inszenierung der Büchnerbühne bleibt dieser französischen Spielart des 19. Jahrhunderts in Musik und Ausstattung hübsch treu.

Die Grundidee ist ja auch unverwüstlich, 150 Jahre nach der Theaterpremiere blitzte sie vor zehn Jahren in den „Hangover“-Filmen grell auf. Nach dem Blackout irrlichtern Lenglumé und Mistingue durch ihren spießigen Alltag, wollen den Anschein des Anstands wahren und stürzen doch in die Mördergruben ihrer Herzen. Mélanie Linzer ist dabei als Madame Lenglumé ganz milde Missbilligung. Hannah Bröder darf als Dienerin stärker aufdrehen, kreischend niesen, in die Wäsche schnäuzen und unter Mobiliar buckeln. Vincent Hoff spielt die Gitarre und den Vetter Potard, der als Bittsteller kommt und von seinem Schwager als vermeintlicher Erpresser erkannt wird.

So groß ist die Angst vor der Enttarnung als Mörder, dass die Saufkumpane zwischen Rausch und Amnesie den Firnis von Sitte und Moral völlig abkratzen. Am Ende steht der Bürger als Würger da. Einmal enthemmt, ist aller Anstand perdu, ist es nur noch ein winziger Schritt hin zum Serienmörder. In Leeheim spielen sie diesen Labiche passend zum Alkoholpegel süffig und mit scharfem Abgang.

                                                                   
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Die Affaire Rue de Lourcine

Eine Burleske von Eugène Labiche

Es war ein feuchtfröhlicher Abend. Nicht nur ein Glas wurde zu viel getrunken. Die Erinnerung an die letzten Stunden der Nacht sowie die Erinnerung an den Weg nach Hause sind nur noch unscharf vorhanden. Jetzt brummt der Kopf. So geht es Monsieur Lenglumé, als er am Morgen in seinem Bett erwacht. An alle Details der letzten Nacht kann er sich definitiv nicht mehr erinnern. Im Bett neben ihm liegt dann auch nicht seine Frau, sondern ein ihm fremder Mann – Monsieur Mistingue.

Was ist passiert? Weitere Indizien geben Rätsel auf: Kohlenstücke in den Hosentaschen der Männer, eine blonde Locke, ein Damenhäubchen und ein Frauenschuh ohne Besitzerin im Schlafzimmer des Herrn Lenglumé. Der Filmriss ist perfekt. Um seine Frau nicht zu beunruhigen, stellt Lenglumé den fremden Bettnachbarn als alten Freund vor. Alle versammeln sich um den Frühstückstisch. Da bestätigt die morgendliche Zeitungslektüre alle Befürchtungen: In der Rue de Lourcine wurde ein Mädchen ermordet. Man nimmt an, dass es sich um zwei Täter handelt ...

Eugène Labiche zeichnet in seiner Vaudeville-Burleske mit bösem Witz Kleinbürger am Abgrund. Anstatt nach Aufklärung zu streben, versuchen sie, alles zu vertuschen und sind sogar bereit, lästige Mitwisser skrupellos umzubringen, um die bürgerliche Fassade aufrechtzuerhalten und die eigenen Hände in Unschuld zu waschen.

Probenbilder

Fotos: CS / BüchnerBühne

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