WARUM THEATER


Kulturelle Einrichtungen kämpfen überall ums Überleben:

a) finanziell, angesichts kulturpolitischer Sparzwänge,

b) ästhetisch, aufgrund veränderter Sehgewohnheiten durch eine sich rasant entwickelnde Medienlandschaft,

c) künstlerisch, da selbst die großen Bühnen mit den gesellschaftlichen Veränderungen thematisch kaum mithalten können,

d) politisch, konfrontiert mit der Diskussion, ob das (weltweit einmalige) deutsche Staats-und Stadttheatermodell überhaupt noch aufrechtzuerhalten ist.

Es stellt sich also die Frage: WOZU DAS THEATER?
Wozu noch eines? Und warum ausgerechnet in Riedstadt? Die Institution Stadttheater ist in Ehren ergraut - eine tatsächliche kulturelle oder soziale Wirkung in die Gesellschaft hinein geht von ihr vielfach nicht mehr aus.

Warum? Wirft man einen Blick auf das Leben, auf die Menschen in den Straßen, findet man einige Hinweise: Individualisierung, Reizüberflutung, Existenzangst und Banalisierung des Alltags. Und es stellt sich die Frage, warum wohl der Weg von der Straße ins Theater immer weiter wird. Und umgekehrt.

Unsere Arbeit antwortet zunächst mit einer Gegenfrage: WAS IST DAS, THEATER ?

Was ist gemeint, wenn die Rede ist von Erfolgen, Mißerfolgen, den Erwartungen des Publikums, künstlerischen Absichten, wichtigen Stücken, Notwendigkeit der Künste, oder der Bedeutung von Kultur im Allgemeinen ?

Kurz: Wissen wir noch, wovon wir sprechen, wenn wir die Worte “Kunst”, Kultur” oder “Theater” in den Mund nehmen?

In Zeiten von Globalisierung, weltweitem Kampf gegen “den Terror” (im Namen der “Freiheit”), dem Zusammenbrechen der Sozialsysteme nebst allgemein beklagtem “Werteverlust”, wird „Kultur“ – in welcher Form auch immer – zunehmend als „Luxusgut“ angesehen, welches man sich leistet/leisten kann – oder eben nicht.

Doch war sie einmal – gerade für jemanden wie Büchner – (Über-)Lebensgut für freiheitlich denkende Menschen in unfreien Zeiten.

Ein Laboratorium sozialer Phantasien.
WAS IST DAS, DER MENSCH?WIE LEBEN WIR ZUSAMMEN?
(Wie war es, ist es, könnte es sein?)

Diese Fragen zusammen mit dem Publikum zu untersuchen, um durch die Arbeit gemeinsame Lebensbedürfnisse neu oder wieder zu entdecken, ist Sinn und Zweck unseres Theaters, das sich dem Leben und Werk Georg Büchners verpflichtet fühlt.

Menschliche Begegnungen, Verständigung über konkrete Lebensinhalte, indem man durch Fragen über sie hinausweist.

Die Begegnung von Zuschauer und Schauspieler.

Kein Wettlauf mit der herrschenden Event-und Spektakel-Kultur, sondern das Angebot, sich in den Bühnenfiguren selbst zu begegnen.

Theater war in unserem Kulturkreis zunächst vor allem eine soziale Errungenschaft, entsprungen aus materieller Not oder ideeller Unterdrückung. Diese Entwicklung des europäischen Volkstheaters aus dem Geist des mittelalterlichen Karnevals nahm im deutschen Sprachraum mit der sogenannten "Weimarer Klassik" ein jähes Ende. Nun mußte das Theater Volk und Nation „bilden“ helfen und mutierte nicht selten zur „politischen Anstalt“.

Hieraus entstanden Volksbildungsheime und Stadttheater. Das Bürgertum brachte ein Theater hervor, das sein Selbstbewußtsein förderte, prägte und darstellte. Das sich mehr oder weniger kritisch mit den Zuständen auseinandersetzte, die es zu seiner Zeit vorfand – zuweilen aber auch von der jeweils herrschenden politischen Klasse instrumentalisiert wurde.

In jedem Fall aber: Ein Zeit-und Problembarometer.
 
Was aber sind die Möglichkeiten des Theaters heute?

•Was kann das Theater im Gegensatz zu den Medien, die es längst überholt haben?

•Wo liegen seine Stärken?

•Was macht es nach wie vor einzigartig?

•Was ist nötig, damit lebendiges Theater ensteht?

Will man Menschen zu einem gemeinschaftlichen Erlebnis ins Theater bewegen, sollte eben diese Frage nach der „Gemeinschaft“ im Mittelpunkt stehen.

Leben und Werk Georg Büchners sind eine Ermutigung, sich dieser Frage neu zu stellen. Eine Einladung, die individuellen „Masken abzunehmen“ und aufeinander zuzugehen,. Oder wie Bertolt Brecht es am Ende seines Sonetts Nr. 19 einmal formulierte:

„Ich sage ICH – und könnt auch sagen WIR“

Unsere Ziele:

•Stärkere Bindung von Theaterschaffenden und Publikum durch öffentliche Proben und Transparenz der Arbeitsweise. Der Zuschauer kann sein Theater bei der Entstehung begleiten. Stückbegleitend sind regelmäßige Vorträge, Lesungen, Filmvorführungen und Diskussionen vorgesehen. Desweiteren erscheint monatlich ein „Goddelauer Landbote“ mit Veranstaltungskalender und Arbeitsdokumenten.

•Künstlerische Impulse. Die offene Struktur erlaubt ein spontanes Reagieren auf innere Entwicklungen und äußere Umstände. Die Reduktion der Ausstattungsmittel fördert die Konzentration auf das Wesentliche: Handwerk und soziale Phantasie.

•Entwicklung einer hauseigenen Spiel-und Produktionsweise.

•Regelmäßige Tournee-Produktionen für die Region. Außerdem durch Koproduktionen und Austausch von Inszenierungen mit anderen Bühnen und Spielstätten der Aufbau eines lebendigen, überregionalen Kulturnetzwerkes.

•Etablierung der BüchnerBühne als interaktives Podium für das öffentliche Leben seiner Bürger: Ein sozio-kulturelles Zentrum. Die Theaterbühne als lebendiger Teil des Sozialwesens der Stadt.

•Feste Kooperationen mit Ausbildungsstätten. Förderung der Dialogbereitschaft zwischen den Generationen.
 

WARUM BÜCHNER


Langeweile und Erbarmen


„Was die Leute nicht alles aus Langeweile treiben! Sie studieren aus Langeweile, sie beten aus Langeweile, sie verlieben, verheiraten und vermehren sich aus Langeweile und sterben endlich an der Langeweile.“

Ein Mensch, dessen Leben ohne Sinn ist, kommt vor Langeweile um.

Prinz Leonce aus dem Lustspiel "Leonce und Lena" (1836) könnte ein Lied davon singen – doch selbst dies ist ihm der Mühe nicht wert …

Der Geliebten gesteht er galant, er liebe sie wie seine Langeweile: „Ihr seid eins.“

George Danton, der große Redner und einer der Anführer der französischen Revolution, und verantwortlich für zahllose Tote, sitzt im Drama "Dantons Tod" (1835) morgens teilnahmslos auf der Bettkante und möchte nur in Ruhe gelassen werden Als ihn Freunde zur Flucht vor der Guillotine bewegen wollen, meint er: „Das ist sehr langweilig immer das Hemd zuerst und dann die Hosen drüber zu ziehen und des Abends ins Bett und morgens wieder heraus zu kriechen.“

Jakob Michael Reinhold Lenz, deutscher Schriftsteller des Sturm und Drang, Theologe, Pfarrerssohn und Titelheld in Büchners Erzählung (1836) entgleitet gar in den Wahnsinn: Er spürt sich selbst am Ende nur noch, wenn er sich Schmerz zufügt, indem er den Kopf an die Wand donnert. Sein letzter Wunsch: „Laßt mich in Ruhe!“

Und Georg Büchner? Deutscher Arztsohn aus Goddelau, steckbrieflich gesucht wegen umstürzlerischer Umtriebe in Hessen (Der Hessische Landbote), ständig auf der Flucht, Dichter umständehalber, dann studierter Spezialist für das Nervensystem von Fischen und die Philosophie Spinozas, Doktor der Medizin, Übersetzer Victor Hugos, stirbt im Februar 1837 mit 23 Jahren im Schweizer Exil an Typhus und – wie manche sagen – an „Überanstrengung der Seele“ …

Wie konnte dieser junge Mann die Langeweile zum Hauptmotiv seines Werkes machen? Wie kann einer, der nur drei Jahre Zeit hatte für sein Werk und die Revolution, seine Figuren an Langeweile ersticken lassen?

Der Büchner-Preis-Träger Paul Celan hat ihn 1960 in seiner Dankesrede den „Dichter der Kreatur“ genannt. In Büchners Werk ist die bedingungslose Liebe zur Kreatur (mit all ihren Abgründen) tatsächlich die einzige Kraft gegen die tödliche Leere.

So mahnt Camille Demoulins in "Dantons Tod" die Mitgefangenen kurz vor dem Schafott, einen letzten, versöhnlichen Blick auf sich selbst zu richten:

Seid (wenigstens jetzt), die Ihr seid! (oder immer sein wolltet)

"Nimmt man die Masken ab,
sieht man überall nur den einen, unverwüstlichen Schafskopf;
nicht mehr, nicht weniger.
Die Unterschiede sind so groß nicht,
wir alle sind Schurken und Engel,
Dummköpfe und Genies -
und zwar alles in einem:
die vier Dinge finden Platz in dem selben Körper,
sie sind nicht so groß, wie man sich einbildet.
Schlafen, Verdauen, Kinder machen -
alles andere sind Variationen in verschiedenen Tonarten
zum selben Thema.
Wozu also sich voreinander genieren?
Wir haben alle am selben Tisch gesessen
und haben Bauchschmerzen;
was haltet ihr euch die Servietten vors Gesicht?
Schreit nur und heult, wie euch zumute ist.
Schneidet nur keine tugendhaften, witzigen,
heroischen oder genialen Grimassen mehr,
wir kennen uns ja, spart euch die Mühe!"

Niemand stirbt für sich allein … Schön wär´s ja …

Bis heute haben alle Revolutionen „ihre Kinder“ gefressen – und doch bleiben Anlässe genug, auch weiterhin für eine lebenswertere Welt zu arbeiten – und sei es für solche armen Kreaturen wie Lucile, die Liebende, die in „Dantons Tod“ am Ende scheinbar alles durcheinander bringt, als sie nach der Ermordung ihres Mannes ruft: „Es lebe der König.“

Warum nur? Mag sein, sie sucht Erbarmen wenigstens im Tod (der ihr nach diesem Ausruf sicher ist). Wer spendet es den Lebenden? …

Büchner fühlte sich zuletzt vernichtet "unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte". In der menschlichen Natur erkannte er "eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt, Allen und Keinem verliehen".

Der Enttäuschung verschaffte er in seinen Figuren Stimme und unvergleichliche Persönlichkeit. Ihre Sehnsüchte groß und voller Leidenschaft – ihre Handlungen gleichsam gelähmt von Verdruß und Leere …

Bedingungslos steht der Dichter zu ihnen – verweisen sie doch auf sein eigenes Dilemma – und unseres …

Bis heute passen Büchners Worte in keine wissenschaftliche oder gar politische Ordnung, lassen sie keinen in Ruhe, der sie gern hätte. Wir geben ihnen und anderen Unruhestiftern eine Bühne, um etwas zu erfahren: Über uns…

Denn Bewegung hat noch keinem geschadet – schon gar nicht unserem trägen Prinzen Leonce:

„Ich habe noch eine gewisse Dosis Enthusiasmus zu verbrauchen; aber wenn ich Alles recht warm gekocht habe, so brauche ich eine unendliche Zeit um einen Löffel zu finden.“

Suchen wir doch gemeinsam.

Christian Suhr

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