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Georg Büchner - Eine deutsche Revolution (Kasimir Edschmid)

Kasimir Edschmid wurde 1890 in Darmstadt geboren. Er studierte Romanistik an den Universitäten München, Genf, Gießen, Paris und Straßburg. Seit 1913 war er literarischer Referent für die Frankfurter Zeitung und von 1918-1922 Herausgeber der »Tribüne der Kunst und Zeit«. 1933 erhielt er Redeverbot, und viele seiner Bücher kamen auf den Index. In der Folgezeit lebte Edschmid meist in Italien und Tirol. Von 1950-1957 war er Generalsekretär, dann Vizepräsident des PEN-Zentrums der Bundesrepublik und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Edschmid gilt als Wortführer des deutschen Expressionismus und wendete dessen Stilprinzipien auf die Romanform an. Er verfaßte außerdem Essays und wichtige Manifeste über Kunsttheorie. Nach längeren Reisen entstanden Bücher über Südamerika, Afrika und den Mittelmeerraum. Er starb 1966 in der Schweiz.

 

Dieser historische Roman zeigt den tragisch gescheiterten Anlauf zu einer radikalen Erneuerung Deutschlands im absolutistischen Polizeistaat Hessen. In der Gegenüberstellung des Dichters und Mediziners Georg Büchner und dem protestantischen Theologen Ludwig Weidig erinnert Edschmid daran, daß Deutschland eine wirkliche Widerstandstradition mutiger Einzelgänger hat. Er schildert die »Hessische Verschwörung« von 1834, deren Manifest, Der Hessische Landbote - verfaßt von Georg Büchner, redigiert von Ludwig Weidig -, zu den einflußreichsten Dokumenten der Weltliteratur gehört. Verfolgung, Exil und Resistance, Flucht und Folter, politische Justiz und Geheimpolizei: Mächte und Schicksale, die auch das 20. Jahrhundert prägen sollten, erscheinen bereits auf der Bühne des kleinen, zurückgebliebenen Feudalstaates der Ära Metternich. Mitten in der idyllischen Zeit des Biedermeier erklingt hier den Kampfruf: »Friede den Hütten! Krieg den Palästen!« – Doch beim Volk bleibt er noch lange ungehört …


 

"... ein Meisterwerk der deutschen Literatur im zwanzigsten Jahrhundert, einer der großen historischen Romane Deutschlands, ... der die politische Tragik, die ewig gescheiterten Kämpfe um die Wiederherstellung der Freiheit und der Menschenwürde des armen, ewig geschlagenen deutschen Volkes beschreibt, das durch die Jahrhunderte so töricht der tumbe Michel war, seine dümmsten Tyrannen auf den Thron zu heben und seine klügsten Volksfreunde in den Staub zu treten oder ins Exil zu schicken."

 

Hermann Kesten


 

»Georg«, sagte sie nach einer Weile, »ich fürchte, du mußt hier heraus.«

»Ich kann nicht«, erwiderte ich gequält. Ich erzählte ihr, was ich ihr nicht schreiben oder nur andeuten konnte. Sie erschrak einen Augenblick, zumal als sie die Ahnungslosigkeit meiner Familie und die unnatürliche Gefühlslage begriff, in der ich mich meinem Vater gegenüber befand.

Wir blieben vor dem Gefängnis stehen: »Ich nähme dich am liebsten mit«, sagte sie. »Aber bleibe natürlich, so ungern ich das sage. Ich sehe ein, daß du nicht weglaufen kannst, Georg. Doch welche Torheiten! Mit Pistolen schießt ihr auch! Um Gottes willen, wie werde ich dich wiedersehen.« Ihre Augen blickten scharf und lustig. »Werde ich dich überhaupt wiedersehen?«

»Ach, wenn ich es nur richtig fände«, sagte ich. »Ich finde es falsch, das ist doch offensichtlich. Aber ich halte es für meine Pflicht, ein dummes Wort, doch habe ich mich nun einmal eingelassen gegen meinen Willen und gegen meinen Verstand, also muß es doch nötig sein.«

Wir drehten um und gingen nach dem Kranichsteiner Park zu durch die Felder. Ich zeigte ihr die Baracke.

»Eigentlich könnte ich stolz auf dich sein«, sagte sie, »ein richtiger Räuberhauptmann.« …

Im November und Dezember regnete es meist, nur zweimal fiel Schnee, der bald wieder wegging. Mit Oberhessen blieb ich in Verbindung, so gut es ging. Ich hörte, daß Weidig den Landboten wieder herausgeben und in einer Marburger Druckerei herstellen lassen wolle. Ich ließ ihm sagen, mein Standpunkt sei unverändert, entweder meine Fassung oder keine. Aber es machte mir Eindruck, daß der Mann, dessen Fuchsbau doch schon umstellt war, immer noch um sich schlug. Es erstaunte mich, daß Marburg sich an die Sache wagte, waren die Marburger Intellektuellen doch meine erbitterten Gegner auf der Badenburg gewesen.

Becker schrieb nie, es gehörte zu seiner Art, nicht zu schreiben. Er wäre für mich, wenn ich ihn darum ersucht hätte, nach Hamburg gelaufen, er hätte sich seinen roten Bart, auf den er stolz war, abgenommen, aber ich hätte ihn nicht dazu gebracht, einen Brief zu schreiben, obwohl er es gewesen war, der die Flugschrift ins reine gebracht hatte. Das war aber etwas anderes, die Flugschrift war etwas Allgemeines und keine private Mitteilung. Ich verstand seine Abneigung.

Mein Vater ließ mich erst gegen Weihnachten im Laboratorium arbeiten, langweiliges Zeug, Zergliedern von Krebsen und Fischen. Dabei fiel mir einiges auf, was die Nervenstränge betraf, aber ich kam nicht dazu, dem nachzugehen …

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Kasimir Edschmid

 

Buchcover

Broschiert: 530 Seiten

Verlag: Suhrkamp Verlag KG; Auflage: N.-A. (Januar 1999)

ISBN-10: 3518371169

ISBN-13: 978-3518371169

mit

Christian Suhr

Unkostenbeitrag 3,- €

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