
Karl Emil Franzos: Über Georg Büchner Karl Emil Franzos wird im Revolutionsjahr 1848 im östlichen Galizien geboren. Während seines Jura-Studiums in Wien und Graz ist der Sohn eines jüdischen Arztes Mitglied deutschnationaler Burschenschaften. Nach dem Studium wendet sich Franzos dem Journalismus zu und verfasst Kultur- und Reisebilder ("Aus Halb-Asien"). 1877 heiratet er Ottilie Benedikt, die selbst schriftstellerisch tätig ist. 1879 vollbringt Franzos seine größte herausgeberische Leistung mit der Edition von Georg Büchners sämtlichen Werken. Er gründet die Zeitschrift "Deutsche Dichtung" und zieht mit Ottilie nach Berlin. Als Schriftsteller verfasst er Novellen und Romane mit jüdischer Thematik, als seine reifste Leistung gilt der Roman "Der Pojaz". Am 28.1.1904 stirbt Karl Emil Franzos in Berlin. Während ich an diesem Aufsatz schreibe, kommt zufällig nun erst eine im März 1900 veröffentlichte, gegen mich gerichtete Auslassung des Herrn Professor Alexander Büchner - er ist der jüngste Bruder Georg Büchners - zu meiner Kenntnis. Sie betrifft meine Arbeiten über Georg Büchner und macht mir ein näheres Eingehen auf diese Arbeiten zur Pflicht der Notwehr. Der Sachverhalt ist der folgende. Vor mehr als Jahresfrist stand in der „Gegenwart" ein Aufsatz über die Familie Büchner, den ich auch heute noch nicht kenne, wie mir auch der Verfasser nicht bekannt ist. Ich weiß nur, daß dieser Aufsatz für die Familie „sehr schmeichelhaft“ war, daß er aber die, übrigens sachlich berechtigte Bemerkung enthielt, „es sei verwunderlich, daß weder Ludwig Büchner, noch Alexander Büchner die Herausgabe der Werke ihres Bruders Georg übernommen, sondern die selbe einer fremden Hand“ – eben mir – „überlassen hätten.“ Mit diesen Worten gibt Herr Professor Alexander Büchner den Inhalt dieser Bemerkung in einem offenenen Brief an die Redaktion der „Gegenwart" (Nummer 9 vom 3. März 1900) wieder und läßt dann die nachstehende „Berichtigung“ folgen: „Dies ist ein Irrtum. Im Jahre 1850 haben wir beide (Ludwig und Alexander Büchner) die Nachgelassenen Schriften meines Bruders bei Sauerlaender in Frankfurt herausgegeben. Im Jahre 1879 erbot sich Karl Emil Franzos, in demselben Verlage eine Volksausgabe zu veranstalten deren Erscheinen sich jedoch verzögerte, so daß Louis dieselbe selbst beendigen mußte. Wir haben also das Andenken des Verstorbenen in keiner Weise vernachlässigt oder anderen überlassen. Hochachtungsvoll, Ich habe mir in dieser Angelegenheit durch mehr als zwanzig Jahre die größte Reserve auferlegt; was mich zum Schweigen bewog, war ebenso meine Abneigung, Persönliches an die Öffentlichkeit zu bringen, wie meine Pietät für Georg Büchner. Nachdem jedoch der Herr „Professeur honoraire“ diese Dinge in bewußt wahrheitswidriger Darstellung öffentlich behandelt hat, bin auch ich, ob ich nun will oder nicht, genötigt, zu erzählen, wie und warum ich der Herausgeber von Georg Büchners Werken wurde und wie es dabei zuging … Indes schrieb Büchner mit 22 Jahren in höchster Eile, in kaum fünf Wochen, nachdem er Thiers und Mignet gelesen hatte, sein Drama „Dantons Tod". Er schickte es mit einem geradezu erpresserischen Notschrei an einen anderen jungen Menschen, der erst 24 und schon namhaft war, Karl Gutzkow, mit der Bitte, dieses Stück eines Unbekannten stehenden Fußes zu lesen, und es Gutzkows Verleger zum Druck zu empfehlen. Gutzkow las das Stück, empfahl es seinem Verleger Sauerländer, verstümmelte es schmählich, um es vor der Zensur zu retten, es wurde gedruckt, brachte dem Autor 10 Louisdor und wurde verrissen. Nur Gutzkow lobte es öffentlich. Erst 1879 erschien es unverstümmelt, auf Grund der Handschrift. Als Cotta am 3. Februar 1836 einen Preis für das beste deutsche Lustspiel ausschrieb, sandte Büchner „Leonce & Lena“ zu spät und erhielt seine Sendung ungeöffnet zurück. Die fragmentarische Erzählung „Lenz" druckte Gutzkow in seiner Zeitschrift erst zwei Jahre nach dem Tode von Büchner. Der „Aretino" ging verloren. Das unvollendete Drama „Woyzeck", in mehreren handschriftlichen Fassungen von 1835/36, erscheint erst in den Sämtlichen Werken, die Karl Emil Franzos 1879 herausgab, die Handschrift war vergilbt, Franzos, der sie klären wollte, verdarb sie durch eine Säure, las „Wozzeck" statt „Woyzek". Niemand weiß, welche Lesart gilt, welche Szene auf die andre folgt. Die nachgelassenen Schriften des verschollenen Georg Büchner, die der damals weltberühmte Bruder Ludwig Büchner, der Autor von „Kraft und Stoff", 1850 herausgab, waren, wie Ernst Johann sagt, „in einem Zustand, der beweist, daß Ludwig Büchner ein Familiendenkmal, nicht ein Literaturdenkmal setzen wollte.“ Die erste Gesamtausgabe durch Karl Emil Franzos war, laut Ernst Johann, „ohne Widerhall, und ganz davon zu schweigen, daß die literarische Mitwelt damals aufgehorcht hätte. In den Literaturgeschichten jener Epoche kommt Georg Büchner nicht vor; er existiert im Untergrund“. Noch 1891 wurde Wilhelm Liebknecht zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, weil er „Dantons Tod“ im „Vorwärts“ abdruckte. Hermann Kesten (aus der Rede zur Verleihung des Büchner-Preises 1974) |
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mit
Christian Suhr
Unkostenbeitrag 3,- €