
Goethe in Rom, Februar 1787 "Indem wir eine Beschreibung des römischen Karnevals unternehmen, müssen wir den Einwurf befürchten: Dass eine solche Feierlichkeit eigentlich nicht beschrieben werden könne. Eine so große lebendige Masse sinnlicher Gegenstände sollte sich unmittelbar vor dem Auge bewegen und von einem jeden nach seiner Art angeschaut und gefasst werden. Noch bedenklicher wird diese Einwendung, wenn wir selbst gestehen müssen: Dass der römische Karneval einem fremden Zuschauer, der es zum ersten Mal sieht und nur sehen will und kann, weder einen ganzen noch einen erfreulichen Eindruck gebe, weder das Auge sonderlich ergötze, noch das Gemüt befriedige. Die lange und schmale Straße, in welcher sich unzählige Menschen hin und wider wälzen, ist nicht zu übersehen; kaum unterscheidet man etwas in dem Bezirk des Getümmels, den das Auge fassen kann. Die Bewegung ist einförmig, der Lärm betäubend, das Ende der Tage unbefriedigend. Allein diese Bedenklichkeiten sind bald gehoben, wenn wir uns näher erklären; und vorzüglich wird die Frage sein: Ob uns die Beschreibung selbst rechtfertigt? Der römische Karneval ist ein Fest, das dem Volk eigentlich nicht gegeben wird, sondern das sich das Volk selbst gibt. Der Staat macht wenig Anstalten, wenig Aufwand dazu. Der Kreis der Freuden bewegt sich von selbst, und die Polizei regiert ihn nur mit gelinder Hand. Hier ist nicht ein Fest, das wie die vielen geistlichen Feste Roms die Augen der Zuschauer blendete; hier ist kein Feuerwerk, das von dem Kastell Sant’ Angelo einen einzigen überraschenden Anblick gewährte; hier ist keine Erleuchtung der Peterskirche und -kuppel, welche so viel Fremde aus allen Landen herbeilockt und befriedigt; hier ist keine glänzende Prozession, bei deren Annäherung das Volk beten und staunen soll; hier wird vielmehr nur ein Zeichen gegeben, dass jeder so töricht und toll sein dürfe, als er wolle, und dass außer Schlägen und Messerstichen fast alles erlaubt sei. Der Unterschied zwischen Hohen und Niedern scheint einen Augenblick aufgehoben: Alles nähert sich einander, jeder nimmt, was ihm begegnet leicht auf, und die wechselseitige Frechheit und Freiheit wird durch eine allgemeine gute Laune im Gleichgewicht erhalten. In diesen Tagen freut sich der Römer noch zu unsern Zeiten, dass die Geburt Christi das Fest der Saturnalien und seiner Privilegien wohl um einige Wochen verschieben, aber nicht aufheben konnte. Wir werden uns bemühen, die Freuden und den Taumel dieser Tage vor die Einbildungskraft unserer Leser zu bringen. Auch schmeicheln wir uns, solchen Personen zu dienen, welche dem römischen Karneval selbst einmal beigewohnt und sich nun mit einer lebhaften Erinnerung jener Zeiten vergnügen mögen; nicht weniger solchen, welchen jene Reise noch bevorsteht und denen diese wenigen Blätter Übersicht und Genuss einer überdrängten und vorbeirauschenden Freude verschaffen können.." Das römische Carneval ist längst Geschichte – die französischen Revolutionsheere marschierten 1797 in Rom ein, nahmen den Papst als damals weltlichen Herrscher Roms gefangen und machten dem "unaufgeklärten Spuk" ein Ende … Goethe war einer der allerletzen Augenzeugen dieses Carnevals, der bis zu seinem unfreiwilligen Ende ca. 300 Jahre in einer festen Form begangen wurde, welche ihm einst im 15. Jahrhundert Papst Paul II., ein Feierlichkeiten liebender Venezianer, gegeben hatte … |
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Römische Theatermaske
mit
Christian Suhr
Unkostenbeitrag 3,- €