Noch´n Gedicht

Ein Heinz Erhardt-Vortragsabend

„Ich habe mich hier um dieses Mikrofon versammelt und möchte nicht nur das Wort, sondern auch die Gelegenheit ergreifen, mich Ihnen vorzustellen: Als ich das Gaslicht der Welt erblickte, war ich noch verhältnismäßig jung. Angesichts meiner nassen Windeln wollte ich damals schon (D)dichter werden.“

Erhardts Humor baut in erster Linie auf Wortspielen und verdrehten Redewendungen auf. In dem Gedicht „Ganz zuletzt“ bekannte er sich zu den Vorbildern Erich Kästner, Christian Morgenstern und Joachim Ringelnatz.

In vielen seiner Filmrollen spielt er eine Art netten, aber etwas verwirrten und schüchternen Familienvater oder Onkel, der gerne Unsinn erzählt. Gleichzeitig versuchte er in seinen Filmen meist, den typischen Deutschen aus der Zeit des Wirtschaftswunders darzustellen. Der deutsche Germanist Heinrich Detering bezeichnete Erhardt als „einen Poeten, der es sich selbst und seinen Lesern nicht immer leicht gemacht hat, weil er es ihnen zu leicht machen wollte“.

Viele seiner Gedichte kreisen auf subtile Weise um die Themen Vergeblichkeit, Vergänglichkeit und Tod, sodass man sie auch dem Genre des schwarzen Humors zurechnen kann. Unter anderem diente er Otto Waalkes und Willy Astor als Vorbild.

Berühmt ist Heinz Erhardt auch für seine zahlreichen witzigen Gedichte. Seine Darbietungen schlossen Klavierspiel, Intonierung und Tanz, meist im kleinen Format, mit ein, was sein Profil als Alleinunterhalter abrundete. Auch kamen viele Partner-Nummern, so etwa im Film mit Hans-Joachim Kulenkampff oder Peter Alexander und auf der Bühne mit Rudi Carrell oder Udo Jürgens, zustande.

Heinz Erhardt landete bei der ZDF-Sendung „Unsere Besten – Komiker & Co.“ (2007) auf Platz 2, gleich hinter dem Altmeister des Humors Loriot – einem anderen Autoren, dessen Texte häufiger im Programm der BüchnerBühne zu erleben sind.

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Mit:

Mélanie Linzer
Karsten Leschke
Alexander Valerius
Christian Suhr

Leitung: Christian Suhr

Spieldauer: 85 Minuten (eine Pause)


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DARMSTÄDTER ECHO           04.09.2018  Ute Sebastian

Sein Markenzeichen waren Wortspielereien, alberne wie hintersinnige. So hat er denn auch seine gesammelten Werke „zugeeignet all denen, die Sinn für Unsinn haben“. Heinz Erhardt gilt als einer der größten deutschen Komiker. Seine Werke werden immer wieder rezitiert, auf Bühnen, in Schulen oder privat. Die Büchnerbühne widmete ihm unter dem Titel „Noch’n Gedicht“ zum wiederholten Mal einen Abend und stellte den 1909 in Riga geborenen Autor mit vielen Facetten vor. Denn Erhardt war Musiker und Komponist, Alleinunterhalter und Kabarettist, Schauspieler und Dichter. Und in allem Perfektionist.

Von Christian Suhr, Leiter der Büchnerbühne, erfuhren die Zuschauer einiges über das Leben des Komödianten – die deutsch-baltische Kindheit bei den Großeltern, erste Auftritte in Rigaer Kaffeehäusern, die Anfänge als Kabarettist in Berlin. Die Militärzeit: Als Brillenträger und Nichtschwimmer wurde Erhardt nach Stralsund zur Kriegsmarine eingezogen – weil dort gerade ein Pianist gesucht wurde. Und seine Karriere als lustiger oder spießiger Onkel der Nation in heiteren Filmen der 60er Jahre.

Was die Schauspieler Melanie Linzer, Karsten Leschke und Alexander Valerius dann gemeinsam mit Suhr mit großer Leidenschaft darboten, trieb ihrem Publikum oft genug die Lachtränen in die Augen. So rezitierte Leschke eingangs die Geschichte von seiner (Erhardts) sehr frühen Berufung zum Dichter, die er einer Fee und seinen feuchten Windeln zu verdanken habe.

Erhardt bedichtete jede Situation. Je getragener, desto sarkastischer waren seine Verse. Alexander Valerius etwa verkörperte zur Rezitation von Karsten Leschke „Die Tänzerin“ mit kurzem Tutu und großer Geste: „Erst tanzt sie nach rechts, dann tanzt sie nach links, dann bleibt sie in der Mitte.“ Ein ganzes Ballett wurde so in zwölf Verse gepackt und rief begeistertes Kichern hervor. Ebenso wie „Die Sängerin“ beim großen Liederabend mit weißer, rosenbesteckter Rokokoperücke. Nachdem „sie hoch und laut gesungen“, verlässt die Menge der Kulturbeflissenen „dann bebend, aber froh, dass man noch lebend“ den Konzertsaal.

Melanie Linzer verwandelte sich stimmlich in ein kleines Kind, als sie das Gedicht vom Blümchen vortrug. Die Idylle vom Plätzchen im Walde mit Bänkchen und Blümchen kippte schließlich mit der typisch Erhardt’schen Pointe: „Ich will’s ins Wasser legen, bis dass es fast ertrinkt, und es so lange hegen, bis Mutti sagt: Es stinkt.“

Nach all den launigen Versen von der Made „hinter eines Baumes Rinde“ oder polyglotter Katze, Kuh und Kabeljau sowie verdrehten Balladen von „König Erl“ und „Tauchenichts“ kam gegen Ende des Abends aber auch der Pazifist Heinz Erhardt zu Wort. In „Flecke“ fragt er verzweifelt „Gewiss, wir Menschen sind gescheit, doch wo ist unsere Menschlichkeit?“ Eine Reise zu den Amerikanern (Umgang mit Indianern und den schwarzen Sklaven), Briten (Ermordung der Inder) oder Christen (Mord von Andersgläubigen und Waffensegnungen) bringt wenig Positives zutage. „Jedoch bei Völkern, welche siegen, wird so was immer totgeschwiegen.“ Auch Deutschland hat bei ihm nichts vorzuweisen als verdrängte Schuld.

„Wir behandeln Erhardts Texte wie klassisches Material“, sagte Christian Suhr zum Abschluss. Es gebe darin noch vieles zu entdecken. So viel, dass möglicherweise ein zweiter Heinz-Erhardt-Abend konzipiert werden kann. Ein Publikum fände der allemal.

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