

Elias Canetti
Paul Celan
Friedrich Dürrenmatt
Kasimir Edschmid
Günter Eich
Rainer Maria Rilke
Kurt Tucholsky
Hans Magnus Enzensberger
Peter Handke
Walter Jens
Bronzebüste von Alfred Hridlicka (1988) im Büchnerhaus Goddelau »Dieser Büchner war ein toller Hund. Nach 23 oder 24 Jahren verzichtete er auf weitere Existenz und starb. Es scheint, die Sache war ihm zu dumm. [...] Büchner war ein Revolutionär vom reinsten Wasser. Er mußte aus Hessen, wo er hetzende Flugblätter, fanatische Aufrufe verfaßt hatte, fliehen. Er soll seine dramatischen Werke zum Teil auf der Flucht und unter der drohenden Gefahr der Verhaftung geschrieben haben. Eine bessere Sternkonstellation für seine Werke kann ein Revolutionär nicht finden. Dann verfaßte er eine Arbeit über die Gehirnnerven der Fische und kam damit als Dozent nach Zürich. Womit der Vorfall beendet ist.«
Alfred Döblin: »Deutsches und Jüdisches Theater«. In: Prager Tagblatt 46 (1921), Nr. 303
»Damals also, in einer Nacht, schlug ich den Büchner auf, und er eröffnete sich mir im 'Woyzeck', in der Szene Woyzecks mit dem Doktor. Ich war wie vom Donner gerührt, und es kommt mir jämmerlich vor, etwas so Schwaches darüber zu sagen. Ich las alle Szenen des sogenannten Fragments [...], und da ich nicht wahrhaben konnte, daß es so etwas gab, da ich es einfach nicht glaubte, las ich sie alle vier- oder fünfmal durch. Ich wüßte nicht, was mich in meinem Leben, das an Eindrücken nicht arm war, je so getroffen hätte.«
Elias Canetti: Rede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises 1972
»Die Kunst kommt wieder. Sie kommt in einer anderen Dichtung Georg Büchners wieder, im 'Woyzeck', unter anderen, namenlosen Leuten und [...] bei noch 'fahlerem Gewitterlicht'.«
Paul Celan: Rede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises 1960
»Alles, was Georg Büchner unternahm, tat er aus Leidenschaft und gab vor, er tue es, um Geld zu verdienen, was er auch verdienen mußte, da er sich seit 1835 darauf vorbereitete, in die Schweiz zu emigrieren.«
Friedrich Dürrenmatt: »Georg Büchner und der Satz vom Grunde«. Rede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises 1986
»Büchner ist neben Shakespeare, der ihn begeisterte und ohne den er nicht denkbar ist, ein Knabe, ein Säugling, aber ein stolzer Knabe und ein illustrer Säugling.« Kasimir Edschmid: »Büchner«. In: Frankfurter Zeitung, 19. Mai 1922 »Merkwürdigerweise jedoch war sein Blick, der die Hoffnungslosigkeit der politischen Malaise in Deutschland und die Passivität der deutschen Bürger längst erkannt und durchschaut hatte, schon lange vor seinem Tode nicht mehr auf den politischen Raum gerichtet, sondern fasziniert auf eine neue Welt biologischer Tabus und physikalischer Wunder hingewandt, deren Wirklichkeit seine Phantasie erahnte. [...] Büchner hat, wie Shakespeare, die Fähigkeit, verdichten zu können, ohne dunkel, bildhaft zu sein, ohne abschweifend zu werden. Er ist der Mann, der die Wirklichkeit in der deutschen Literatur am magischsten geformt hat. Er ist von herrlicher Jenseitigkeit, während seine Sprache von berückender Diesseitigkeit ist.« Kasimir Edschmid: »Georg Büchner«. In: Ders.: Portraits und Denksteine. Wien 1962
»Es wird Ernst gemacht, die perfekt funktionierende Gesellschaft herzustellen. [...] Wenn unsere Arbeit nicht als Kritik verstanden werden kann, als Gegnerschaft und Widerstand, als unbequeme Frage und als Herausforderung der Macht, dann schreiben wir umsonst, dann sind wir positiv und schmücken das Schlachthaus mit Geranien. Die Chance, in das Nichts der gelenkten Sprache ein Wort zu setzen, wäre verloren. Meine Damen und Herren, indem ich mich zu einer Dichtung bekenne, die Gegnerschaft ist, bekenne ich mich zu Georg Büchner.«
Günter Eich: Rede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises 1959
»Eine ungeheure Sache [...], nichts als das Schicksal eines gemeinen Soldaten, [...] der seine ungetreue Geliebte ersticht, aber gewaltig darstellend, [...] wie selbst um den Rekruten Wozzek, alle Größe des Daseins steht, wie ers nicht hindern kann, daß bald da bald dort, vor, hinter, zu Seiten seiner dumpfen Seele, die Horizonte ins Gewaltige, ins Ungeheure, ins Unendliche aufreißen, ein Schauspiel ohnegleichen, wie dieser mißbrauchte Mensch in seiner Stalljacke im Weltraum steht, malgré lui, im unendlichen Bezug der Sterne. Das ist Theater, so könnte Theater sein [...].«
Rainer Maria Rilke: Brief vom 9. 7. 1915 an Fürstin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe
»Den Tonfall von 'Wozzek', die Melodie von 'Leonce und Lena' ist mir in Fleisch und Blut. [...] Das Theater ist bei Büchner, der ein Dramatiker war von Geburt, ein buntes erleuchtetes Loch, vor dem die Zuschauer mit weit aufgerissenen Augen sitzen, die lieben Leute, denen man es doch ein bißchen deutlich machen muß, wie es im Leben zugeht.«
Kurt Tucholsky: »Büchner«. In: Die Schaubühne 9 (1913)
»Und an Karl Gutzkow schrieb er: 'Mästen Sie die Bauern, und die Revolution bekommt die Apoplexie.' Man braucht nur für das Wort Bauern die Lieblingsphrasen einer pluralistischen Soziologie einzusetzen, will sagen: Arbeitnehmer und Sozialpartner, um zu ermessen, wie tief Büchners Blick in die Zukunft reichte, nämlich, in dieser Frage, weiter als der von Friedrich Engels und von Karl Marx.«
Hans Magnus Enzensberger: »Politischer Kontext 1964«. In: Georg Büchner u. Ludwig Weidig: Der Hessische Landbote. Texte, Briefe, Prozeßakten. Kommentiert von H.M.E. Frankfurt a. M. 1965
»Der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Stadt Darmstadt und dem Land Hessen danke ich für die Verleihung des Büchner-Preises und das Geld, das damit verbunden ist. Und Georg Büchner danke ich für mehr.«
Peter Handke: »Die Geborgenheit unter der Schädeldecke«. Rede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises 1973
»Mit einer gewaltigen Anstrengung bog er die Gegensätze, Partikel verschiedenster Bereiche, zusammen, um dann, assoziativ fortphantasierend, die Überzeugungskraft des künstlichen, aus Antithesen geschweißten Gebildes zu zeigen und seine plausible Identität zu beweisen. [...] immer geht es um die große Synopse verschiedenartigster Zeichen, um den Entwurf in sich widersprüchlicher Muster und die Zusammenfügung zeitlich und räumlich getrennter Elemente auf einem einzigen Plan. Auch die Büchnersche Szene gleicht einer rotierenden Bühne, auf der, im wirren Durcheinander [...] das sonst Unvereinbare, ja, schlechthin Inkongruente, zusammenprallt. Dem Lyrismus folgt die Zote, der Parodie die Idylle, der närrischen Tollheit ein Ernst ohnegleichen. [...] Wie weit, nochmals, war dieser vierundzwanzigjährige Poet, Soziologe und Anatom der Zeit voraus! Seiner Zeit? Oder unserer Zeit? Ist es möglich, daß künftige Epochen, neue Praktiken entwickelnd, auch diese schon bei Büchner vorgeformt finden? Es könnte wohl sein.« Walter Jens: »Georg Büchner«. In: Ders.: Euripides. Büchner. Pfullingen 1964 |
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