Lenz: Stehe auf und wandle

Musikalische Erzählung nach der Novelle von Georg Büchner


Der depressive Schriftsteller Lenz gelangt nach einem Fußmarsch durchs Gebirge zum Pfarrer Oberlin in Waldbach. Dort wird er freundlich aufgenommen, jedoch immer wieder von Angstzuständen heimgesucht. Auch die Erlaubnis, an einem Sonntag in der Kirche die Predigt zu halten, verstärkt nur seine innere Aufruhr. Wiederholt versucht er sich das Leben zu nehmen.

Während einer nächtlichen Wanderung gelangt er in eine Hütte, in der ein krankes Mädchen bei einem angeblich über paranormale Kräfte verfügenden Mann untergebracht ist. Er übernachtet dort und kehrt verwirrt nach Waldbach zurück. Einige Tage später erfährt er vom Tod eines Kindes in Fouday. Im Büßergewand begibt er sich dorthin und versucht, das Kind wieder zum Leben zu erwecken. Mehrmals erzählt er andeutungsweise von einer unglücklichen Liebesgeschichte und ist überzeugt, Friederike, seine Geliebte, sei gestorben. Er habe sie und seine Mutter ermordet.

Als weitere Selbstmordversuche folgen, entschließt sich Oberlin, Lenz nach Strassburg zu bringen. Die Novelle endet mit der Fahrt dorthin; der inzwischen von drei Männern bewachte Lenz ist in absolute Apathie verfallen. Oberlins Versuch, die traurige Seele zu retten, ist gescheitert. Woran?

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Besetzung:

Lenz: Bastian Hahn
Oberlin: Christian Suhr
Madame Oberlin: Johanna Bronkalla 
Mädchen: Aylin Kekec

Inszenierung: Christian Suhr

Spieldauer: 90 Minuten  (keine Pause)


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DARMSTÄDTER ECHO       3.2.20 Johannes Breckner

Georg Büchners Novelle „Lenz“ wird in Christian Suhrs Inszenierung zur musikalischen Erzählung, die viele Fährten fürs Verständnis des schwierigen Textes legt.

Die Jünger auf dem Weg nach Emmaus erkannten den Mann nicht, der sich ihnen zugesellte. Erst als er abends mit ihnen das Brot brach, wussten sie, dass der auferstandene Jesus bei ihnen war. In Georg Büchners Erzählung „Lenz“, die einige biblische Anspielungen enthält, wird diese Geschichte fast beiläufig erwähnt. Aber Christian Suhr gibt ihr Gewicht in seiner dramatischen Fassung, die am Freitagabend auf der Leeheimer Büchnerbühne Premiere hatte.

Mag sein, dass der psychotisch kranke Lenz, der Ruhe und Heilung bei Pfarrer Oberlin im Vogesendorf Waldbach sucht, messianische Empfindungen hat. Seine Umgebung aber kann das nicht erkennen. Sie sieht vor allem den Kranken, der verrückte Dinge tut, sich selbst verletzt, in Eiswasser badet, Asche ins Gesicht schmiert und einen Sack überzieht, um im Büßergewand ein totes Mädchen zum Leben zu erwecken wie einst Jesus den Lazarus.

„Steh auf und wandle“ hat Suhr seine Inszenierung genannt nach diesem zentralen Ereignis, das den Wendepunkt der Handlung markiert. Danach entgleitet Lenz mit wachsendem Tempo der Welt, aber noch am Ende lässt Suhr ihn das Hohelied der Liebe aus dem ersten Korintherbrief beten, das die niemals aufhörende Liebe als den Kern des christlichen Daseins beschwört.

Die Kanzel steht im Zentrum von Karsten Leschkes Bühnenentwurf. Lenz predigt und erschrickt zugleich vor sich selbst: Bastian Hahn taucht tief ein in die Zerrissenheit dieser Figur. Die Schreie des Schmerzes, wenn er an sich selber leidet, hört man am Anfang nur aus der Ferne. Als Lenz auf die Bühne kommt, ist er die Sanftmut in Person, ein strahlender Heiliger, der die Welt für sich einnimmt und ein naturidyllisches Heine-Volkslied anstimmt. Suhr macht den Weg von Lenz zu einer musikalischen Erzählung, oft sitzt Hahn am Keyboard, mal spielt er auch Akkordeon, und die musikalische Reise spiegelt seinen Seelenzustand: Am Ende erlebt man Lenz als Rockpoeten, der den Herrn sucht, und auf dem Höhepunkt seiner Verunsicherung begegnen die Moorsoldaten dem Mann im Mond aus dem Lalelu-Schlaflied.

Die Stationen der Handlung werden in kurzen Szenen angespielt, Johanna Bronkalla ist Madame Oberlin, die Lenzens Offenbarungen mit mildem Ernst aufnimmt, Aylin Kekec das Mädchen, um das seine Gedanken kreisen. Suhr selbst lässt als Oberlin auch die Hilflosigkeit des Geistlichen angesichts dieser Verwirrung ahnen: Seine Appelle, der Verzweiflung durch das Vertrauen in Gott zu begegnen, können Lenz nicht mehr erreichen, der sich doch selbst in göttlicher Nähe wähnt.

Suhr will den komplizierten Text nicht vereinfachen. Man könnte sich den Hundert-Minuten-Abend auch kompakter und zielstrebiger vorstellen. Aber er findet in seiner Inszenierung eine Linie, der man gespannt folgt. Und gerade die assoziative Revue, die zum Requiem für diesen Leidenden wird, bietet eine instruktive Einstiegsmöglichkeit in diese Erzählung, die man hinterher ganz neu lesen kann.

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